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18.09.2018

Interwiev mit der "SHZ" Über Freuden und Leid mit Schleswig-Holstein

"SHZ": Herr Bürgermeister, was ist Ihr Lieblingsplatz in Schleswig-Holstein?

Peter Tschentscher: Mir gefällt Büsum, wo wir früher oft am Wochenende gewesen sind.

"SHZ": Lieber Nordsee oder Ostsee?

Peter Tschentscher: Lieber Nordsee, die kenne ich von Ostfriesland her, wo ich Zivildienst gemacht habe. Ich mag Deiche, auf denen man spazieren gehen kann.

"SHZ": Was schätzen Sie an Schleswig-Holstein besonders?

Peter Tschentscher: Die Landschaften mit einem weiten Blick bis zum Horizont. Und natürlich die verschiedenen Küsten und die Nähe zum Meer.

"SHZ": Wie bewerten Sie das aktuelle Verhältnis von Hamburg zu Schleswig-Holstein?

Peter Tschentscher: Als sehr gut. Das ist jetzt schon die dritte schleswig-holsteinische Landesregierung, mit der ich in meiner Zeit im Senat zusammenarbeite.

"SHZ": ... unabhängig von Parteizugehörigkeit der jeweils Regierenden?

Peter Tschentscher: Ja, ausdrücklich. Die gemeinsamen Interessen und Ziele der beiden Länder stehen immer im Vordergrund.

"SHZ": ... zum Beispiel?

Peter Tschentscher: Zum Beispiel das Ziel, dass wir in Hamburg und Schleswig-Holstein gemeinsam den Klimaschutz voranbringen und bis 2035 den gesamten in der Region benötigten elektrischen Strom vollständig aus regenerativen Quellen erzeugen. Schleswig-Holstein kann mehr Windenergie produzieren, als das Land selbst benötigt. Hamburg kann diesen Strom abnehmen, weil wir wegen der Industrie mehr Strom benötigen.

"SHZ": Vor einigen Jahren gab es den großen Streit um die Windmesse, die von Husum nach Hamburg umgezogen ist. Davon ist nichts nachgeblieben?

Peter Tschentscher: Nein. Das hat sich entspannt.

"SHZ": Mancher Beobachter sagt, das Verhältnis ist problemfrei, aber ohne Dynamik ...

Peter Tschentscher: Im Gegenteil. Wir arbeiten in vielen Feldern aktiv zusammen, und es kommen laufend neue Projekte hinzu. Wir setzen uns jetzt zum Beispiel für eine Verlängerung der S-Bahnen ins Umland nach Schleswig-Holstein ein. Und Schleswig-Holstein hilft uns bei der Elbvertiefung und der Hafenschlick-Verbringung in die Nordsee.

"SHZ": Ole von Beust und Peter Harry Carstensen haben 2007 von einer Zwei-Länder-Wohngemeinschaft geträumt, die auf dem Standesamt enden könnte. Wie weit ist die WG Tschentscher/Günther vom Nordstaat entfernt?

Peter Tschentscher: Vom Nordstaat ist nicht die Rede. Aber wir können auch so gut zusammenarbeiten. Wir haben zum Beispiel ein gemeinsames Statistikamt und viele andere sinnvolle Kooperationen.

"SHZ": Was spricht in einer immer vernetzteren Welt gegen das Ziel Nordstaat?

Peter Tschentscher: Hamburg und Schleswig-Holstein würden ihre politische Selbstständigkeit verlieren. Wer hätte zum Beispiel in Kiel Sympathie dafür, dass die Landeshauptstadt Hamburg wäre und von hier aus die Schulpolitik in Schleswig-Holstein bestimmt werden würde? Umgekehrt würde man das in Hamburg auch nicht gerne sehen.

"SHZ": Manche Bürger haben den Eindruck, dass die Kooperation manchmal etwas schwerfällig ist. Beispiel: Sie haben eine große HVV-Offensive angekündigt, die aber an der Landesgrenze endet ...?

Peter Tschentscher: Die vollen Züge haben wir vor allem in Hamburg, nicht so sehr im Umland. Wir wollen aber in jedem Fall, dass auch die Menschen aus dem Umland leichter mit der Bahn nach Hamburg kommen.

"SHZ": Was tun Sie dafür?

Peter Tschentscher: Wir haben mit der S-Bahn und der Hochbahn schnelle Verbesserungen vereinbart. Wir bestellen ab Dezember neue Züge und setzen längere Züge ein, die dann auch häufiger fahren sollen. Damit erhöhen wir die Kapazität von Bahnen und Bussen kurzfristig um bis zu 20 Prozent. Das wird dazu führen, dass mehr Menschen vom Auto auf die Bahnen umsteigen. Dadurch wird Platz auf der Straße frei, was allen zugutekommt. Im Übrigen bauen wir die U5 später bis in den Hamburger Westen. Auch das können die Menschen aus dem Umland dann nutzen, um besser ins Zentrum von Hamburg und zurück nach Schleswig-Holstein zu kommen.

"SHZ": Wann kommt die S4 nach Bad Oldesloe endlich?

Peter Tschentscher: Das dauert wohl noch einige Jahre. Aber wir müssen das Projekt jetzt voranbringen, damit es fertig ist, wenn der ebenfalls geplante Fehmarnbelttunnel eröffnet wird. Die Verlängerung der S4 und deren Führung auf einem eigenen Gleis ist wichtig für ganz Norddeutschland, weil der Fernverkehr auf der Schiene von Skandinavien über Schleswig-Holstein und Hamburg nach Süden dann besser erfolgen kann.

"SHZ": Wann sagt der Bund das nötige Geld zu?

Peter Tschentscher: Ich hoffe bald. Hamburg und Schleswig-Holstein haben sich dazu gemeinsam an den Bundesverkehrsminister gewandt.

"SHZ": Woran hakt es dann?

Peter Tschentscher: Wir brauchen eine faire Finanzierungsvereinbarung darüber, wie die Kosten zwischen dem Bund und den Ländern geteilt werden.

"SHZ": Kann Bundesfinanzminister Olaf Scholz da nicht helfen ...?

Peter Tschentscher: Das ist zunächst einmal eine Diskussion der Länder mit dem Bundesverkehrsminister und der Bahn. Aber wenn es sein muss, helfen uns vielleicht auch Dritte.

"SHZ": Der Bau der A 20 in Schleswig-Holstein kommt nicht voran. Wie wichtig ist die Autobahn für Hamburg?

Peter Tschentscher: Die A20 wird den Großraum Hamburg und die Stadt selbst von Verkehr entlasten. Wir begrüßen die Planung ausdrücklich.

"SHZ": Hamburgs Flughafen belastet Anwohner im schleswig-holsteinischen Speckgürtel sehr, vor allem mit nächtlichem Lärm. Können Sie den Menschen in Quickborn, Norderstedt und Ahrensburg Hoffnung auf mehr Nachtruhe machen?

Peter Tschentscher: Der Hamburger Flughafen ist gut organisiert. Die wesentliche Ursache für die aktuelle Lage sind die vielen Verspätungen, die auf Störungen im europäischen Luftraum zurückzuführen sind. Eine Verspätung zieht viele andere nach sich, beispielsweise wenn es besondere Wetterereignisse gibt oder gestreikt wird.

"SHZ": Das heißt, alles muss bleiben, wie es ist?

Peter Tschentscher: Nein. Hamburg organisiert gemeinsam mit dem Bundesverkehrsministerium ein Spitzengespräch zur Situation im Luftverkehr, um die Ursachen von Verspätungen anzugehen. Gemeinsam mit den Airlines, der Deutschen Flugsicherung und den Flughäfen wollen wir Anfang Oktober zu einem Runden Tisch zusammenkommen und Lösungen entwickeln.

"SHZ": Wie könnten die aussehen?

Peter Tschentscher: Das ist gerade das Thema des Runden Tisches, über das wir reden wollen. Ich vermute, dass wir mehr Fluglotsen brauchen und die Airlines mit vielen Verspätungen ihre Verbindungen anders planen müssen. Auf jeden Fall müssen die Verspätungen wieder deutlich abnehmen. Hierzu müssen alle Beteiligten einen Beitrag leisten.

"SHZ": Eine Initiative fordert, den Betriebsschluss des Flughafens auf 22 Uhr vorzuziehen. Gute Idee?

Peter Tschentscher: Nein. Die Lösung besteht darin, die Ursachen der Verspätungen zu beseitigen. Der Flughafen ist für die Wirtschaft in Hamburg und Schleswig-Holstein von größter Bedeutung. Auch privat reisen viele Menschen gerne mit dem Flugzeug. Die Erreichbarkeit aus der Luft ist aber vor allem ein wichtiger Standortfaktor für unsere Unternehmen.

"SHZ": Wohnraum in Hamburg ist extrem knapp. Warum kooperiert die Stadt nicht mit dem Umland und unterstützt dort den Bau von Wohnungen?

Peter Tschentscher: Wir können und wollen den Menschen nicht vorschreiben, wo sie leben sollen. Ich finde es gut, wenn auch in Ahrensburg, Norderstedt, Stade und woanders mehr Wohnungen gebaut werden, aber das ist die Aufgabe der dortigen Kommunen. Wir in Hamburg nutzen alle Möglichkeiten, um den Wohnungsbau bei uns voranzubringen.

"SHZ": Umweltsenator Jens Kerstan hat angekündigt, das Uralt-Kohlekraftwerk in Wedel im April 2022 abzuschalten. Kann der Bürgermeister das bestätigen?

Peter Tschentscher: Ja, wir wollen das Kraftwerk in Wedel so schnell wie möglich ersetzen und verhandeln mit dem Energieunternehmen Vattenfall über das künftige Konzept zur Fernwärmeversorgung. Dabei geht es auch um den notwendigen Ersatz für das Kraftwerk in Wedel.

"SHZ": Das gemeinsame Kind HSH Nordbank hat Hamburg und Schleswig-Holstein viel Ärger gemacht. Ist die Kuh mit dem beschlossenen Verkauf vom Eis?

Peter Tschentscher: Die Verträge sind jedenfalls unterschrieben. Wenn sie umgesetzt werden, hätten sich Hamburg und Schleswig-Holstein endgültig von ihrer früheren Landesbank getrennt und dabei keine zusätzlichen Risiken mehr übernommen.

"SHZ": Für wann erwarten Sie das Closing des Kaufvertrags?

Peter Tschentscher: Ich hoffe, dass es noch bis Ende des Jahres gelingt.

"SHZ": Der Baustopp beim Fernbahnhof Altona in Diebsteich betrifft auch viele Einpendler. Wie lange verzögert sich der Bau?

Peter Tschentscher: Das kann bisher keiner genau sagen. Die Bahn ist für die Verlegung des Fernbahnhofes zuständig und muss sich jetzt mit den Hinweisen des Gerichts auseinandersetzen.

Das Interview führten Barbara Glosemeyer und Markus Lorenz