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29.03.2019

Rede SE 100 Jahre Hamburger Volkshochschule

Bild: Senatskanzlei Hamburg

Sehr geehrte Frau Schnoor,
sehr geehrte Frau Kramp-Karrenbauer,
sehr geehrte Abgeordnete,
sehr geehrte Frau Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

Herzlich willkommen beim Senatsempfang "100 Jahre Hamburger Volkshochschule" in unserem Rathaus!

Und vielen Dank an das Theater Axensprung, das das Stück "Revolution!" in enger Zusammenarbeit mit dem Museum für Hamburgische Geschichte entwickelt hat.

Die Erinnerung an die Gründung der Volkshochschule führt uns zurück in eine aufregende Zeit des Umbruchs und Aufbruchs.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs herrschten überall in Deutschland und auch in Hamburg Hunger und Verzweiflung. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken waren unzumutbar.

Nach den Schrecken des Krieges war die Versorgung der Bevölkerung schlecht. An der Spanischen Grippe starben damals Tausende auch deshalb, weil sie durch Unterernährung und ein schweres Leben geschwächt waren.

Die Bürgerinnen und Bürger wollten ein besseres Leben. Es entstand eine revolutionäre Bewegung, die von weiten Teilen der Bevölkerung getragen wurde.

Dabei richtete sich die Stimmung nicht nur ablehnend gegen die bis dahin herrschende Monarchie und den Obrigkeitsstaat, sondern es entstand auch ein positiver zuversichtlicher Geist, neue demokratische Rechte und gesellschaftlichen Fortschritt zu erreichen.

In einer Hamburger Zeitung vom November 1918 erschien damals eine ironische Traueranzeige. Darin heißt es:

"...Heute verschied sanft und ohne nennenswerte Schmerzen (...) das Deutsche Kaiserreich. (...) Aus der Asche des deutschen Reiches erblühte die Republik und bringt den Frieden. Presse- und Redefreiheit und viele andere gute Dinge bringt die Zukunft." (Zitatende)

"Viele andere gute Dinge bringt die Zukunft ..."

Es ging also einerseits um demokratische Grundrechte im engeren Sinne, also um das allgemeine Wahlrecht, auch für Frauen, um die Wahl der Regierung durch Parlamente, um Meinungs-, Rede- und Pressefreiheit, die Unabhängigkeit der Justiz.

Aber es ging auch um andere "gute Dinge" - Arbeitnehmerrechte, Betriebsräte, soziale Institutionen, ein erstes öffentliches Wohnungsbauprogramm.

Und es ging schon damals um einen Gedanken, der bis heute Gültigkeit hat. Nämlich um die Erkenntnis, dass formale Rechte auf politische Beteiligung und Mitbestimmung nur der erste Schritt sind.

Um solche Rechte auch praktisch wahrzunehmen, für sich zu erschließen und als Chance für das eigene Leben nutzen zu können, bedarf es guter Bildung.

Deshalb wurden in Hamburg vor hundert Jahren nicht nur demokratische Rechte eingeführt, sondern zugleich eine Universität gegründet, zu der alle Zugang hatten - unabhängig vom Geschlecht, Herkunft und vom Einkommen. Auch die Volksschullehrer sollten dort eine akademische Ausbildung erhalten.

Darüber hinaus wurden die Hamburger Bücherhallen und erste städtische Kindertagesstätten eröffnet. Die Gründung einer Hamburger Volksbühne sollte allen Hamburgerinnen und Hamburgern die Teilhabe an Kunst und Kultur ermöglichen.

Im Rahmen dieser breiten Offensive für Bildung und Teilhabe für alle stand auch die Gründung der Hamburger Volkshochschule, die am 28. März 1919 in der dritten Sitzung der ersten frei gewählten Bürgerschaft in einem Gesetzesakt zusammen mit der Hamburger Universität gegründet wurden.

"Die Volkshochschule hat ihre Tore aufgetan und wird alle aufnehmen, die da hungern und dürsten nach geistiger Vertiefung", sagte Rudolf Roß, der erste Leiter der Volkshochschule, der ab 1921 Mitglied in der Bürgerschaft war und 1928 zum Ersten Bürgermeister gewählt wurde.

Die Volkshochschule war damals Chefsache. Sie befand sich auf Augenhöhe mit der Universität.

Das Vorlesungswesen stand anfangs allen offen und die an der Universität berufenen Professoren waren zunächst verpflichtet, auch an der Volkshochschule mitzuarbeiten.

Später wurden die akademischen von den nicht-akademischen Veranstaltungen getrennt und die Professoren mussten nicht mehr an der Volkshochschule lehren. Einige von ihnen waren aber weiterhin dort tätig, unter ihnen der bekannte Philosoph Ernst Cassirer.

Die Volkshochschule hatte damit einen großen Erfolg. Bereits im Winter 1919/20 führte sie 100 Veranstaltungen durch und hatte über 2500 Anmeldungen.

Der Erfolg der Hamburger Volkshochschule endete abrupt, als die Nationalsozialisten sie unter ihre Kontrolle brachten.

Die meisten Lehrer wurden entlassen, nur noch Menschen sogenannter arischer Abstammung konnten sich zu den Veranstaltungen anmelden und die Programminhalte wurden auf die sogenannte Rassenlehre reduziert und auch andere Themen dieser Kategorie.

Nach dem Krieg wurde die Arbeit der Volkshochschule wieder aufgebaut. Sie half vielen dabei, kriegsbedingte Bildungsdefizite und verpasste Bildungsabschlüsse nachzuholen. Auch praktische Lebenshilfe wie Näh- und Handwerkskurse waren gefragt.

In den 60er Jahren wurden bundesweit einheitliche Strukturen aufgebaut. Zertifizierungen, etwa bei den Fremdsprachen, ermöglichten es, die erworbenen Fähigkeiten schulisch oder beruflich zu nutzen.

1964 wurde Deutsch für Ausländer ins Programm genommen. Immer wieder richtete sich die Volkshochschule an den aktuellen Themen und Herausforderungen der Zeit neu aus.

1989 wurde die Hamburger Volkshochschule in einen Landesbetrieb umgwandelt. Betriebswirtschaftliche Fragen nahmen jetzt viel Raum ein und immer wieder musste die Volkshochschule Kürzungen ihrer Zuschüsse durch die Stadt hinnehmen und ihre Arbeit daraufhin neu ausrichten.

Die Leitung, die festen und die freien Mitarbeiter der Volkshochschule haben über die Jahre Außergewöhnliches geleistet und immer das Ziel verfolgt, allen Hamburgerinnen und Hamburgern ein breites und gutes Weiterbildungsangebot zu machen, das auch für Menschen mit geringem Einkommen bezahlbar ist.

Meine Damen und Herren,

die Volkshochschule ist heute ein leistungsfähiger und innovativer Landesbetrieb mit hoher fachlicher, didaktischer und betriebswirtschaftlicher Kompetenz.

Wir haben die Zuschüsse von 5,6 Millionen Euro im Jahr 2011 auf 7,6 Millionen Euro im Jahr 2019 erhöht. Die Zahl der festen Vollzeitstellen wurde von 101 auf 138 ausgebaut. Die Honorare der 1.700 freiberuflichen Dozentinnen und Dozenten werden mittlerweile jährlich angepasst.

Mit 8.800 Kursen und Veranstaltungen und zuletzt über 100.000 Kursteilnehmern jährlich ist die Volkshochschule die größte Weiterbildungseinrichtung Hamburgs.

Das Angebot umfasst fast viele unterschiedliche Fachrichtungen und enthält neben den klassischen auch moderne Veranstaltungsformen wie

  • Social Media-Kurse,
  • Veranstaltungen im Internet zu gesellschaftlich relevanten Auswirkungen der Digitalisierung,
  • zertifizierte gesundheitliche Präventionskursen und
  • "Deutsch als Fremdsprache" für Flüchtlingen und Migranten.

Die Hamburger Volkshochschule hat sich mit ihrer Arbeit in den vergangenen 100 Jahren unentbehrlich gemacht und wird auch in den nächsten 100 Jahren gebraucht.

Ich danke im Namen des Senats allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Hamburger Volkshochschule für ihre Arbeit, ihre Ideen und ihren Einsatz und wünsche ihnen für die Zukunft alles Gute.

Vielen Dank.

Es gilt das gesprochene Wort.