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18.12.2019

RedeVerleihung der Ehrenbürgerwürde an Dr. Kirsten Boie

Bild: Pressestelle des Senats

Sehr geehrte Frau Präsidentin,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

der Senat bittet die Bürgerschaft heute um ihre Zustimmung, dass Frau Dr. Kirsten Boie die Ehrenbürgerwürde der Freien und Hansestadt Hamburg verliehen wird.

Die Ehrenbürgerschaft ist die höchste Auszeichnung, die unsere Stadt zu vergeben hat. Sie wurde in unserer Jahrhunderte alten Geschichte erst 35 Mal verliehen, erst vier Mal an eine Frau und mit Johannes Brahms, Ida Ehre, Siegfried Lenz und John Neumeier auch erst vier Mal an eine Persönlichkeit aus dem Bereich der Kunst und Kultur.

Hamburg ist eine traditionelle Kaufmannsstadt und wirtschaftsstarke Metropole. Sie ist zugleich aber eine weltoffene, vielfältige und liberale Hansestadt mit einer großen Ambition für die Wissenschaft und Bildung, für Sport und Kultur. Diese Vielfalt sollte sich auch bei den Botschafterinnen und Botschaftern unserer Stadt zeigen, den Hamburger Ehrenbürgerinnen und Ehrenbürgern.

Kirsten Boie wurde 1950 in Hamburg geboren. Sie hat an der Universität Hamburg Germanistik und Anglistik studiert, ihr erstes Staatsexamen für das Lehramt in den Fächern Deutsch und Englisch absolviert und in der Literaturwissenschaft über die frühe Prosa von Bertolt Brecht promoviert.

Nach einigen Jahren als Lehrerin an einem Hamburger Gymnasium in Oldenfelde und einer Gesamtschule in Wilhelmsburg hat sie 1985 ihr erstes Kinderbuch mit dem Titel "Paule ist ein Glücksgriff" geschrieben, das gleich ein großer Erfolg wurde.

Seitdem hat sie weit über 100 Kinderbücher geschrieben, die vielfach ausgezeichnet und in unterschiedliche Sprachen übersetzt wurden. Manche ihrer Figuren und Geschichten wurden als Zeichentrickserie oder für das Kino verfilmt.

Ihre Bücher erzählen mal realistisch vom Alltag in Familie und Schule, mal reisen sie auf fantastische Weise in der Zeit hin und her. Kirsten Boie hat sich mit Flucht und Krieg und den Folgen der nationalsozialistischen Zeit befasst. Sie hat eine Kindheit in den 50er Jahren beschrieben, in denen sie selber aufwuchs, und das Leben aus der Perspektive eines Obdachlosen geschildert. Das ist keine leichte Kost, aber es gehört zu unserem Leben dazu. In Boies Geschichten darf gelacht und auch geweint werden.

Seit mehr als 30 Jahren prägt sie die Kindheit junger Leserinnen und Leser in Deutschland und vielen anderen Ländern der Welt mit Geschichten, die begeistern, bewegen und zum Nachdenken anregen. Ihre Bücher geben Kindern Orientierung beim Erwachsenwerden und den Mut, auch in schwierigen Situationen an sich selbst zu glauben.

Frau Präsidentin, meine Damen und Herren,

die Ehrenbürgerschaft wurde ursprünglich an Personen verliehen, die nicht aus Hamburg stammten, die sich aber um unsere Stadt verdient gemacht hatten oder von denen man sich für die Zukunft etwas erwartete. 1813 ging die Auszeichnung an den russischen Generalmajor Baron von Tettenborn, weil er maßgeblich dazu beigetragen hatte, die Stadt von der französischen Fremdherrschaft zu befreien.

Seit 1948 werden Hamburger Persönlichkeiten des Zivillebens geehrt, die für die Werte Hamburgs stehen und sich für diese einsetzen - und genau dies tut Kirsten Boie auf vielfältige Weise.

Sie sagt, Lesen sei das Nadelöhr in die Gesellschaft und in einer Demokratie eine unverzichtbare Grundkompetenz. Das Lesen mache unser Leben reicher und helfe uns, unsere Aufgaben zu bewältigen. Als europaweit bekannte Förderin des Lesens und der Lesekompetenz von Kindern wirbt sie deshalb unermüdlich an Schulen und Kindereinrichtungen für die Freude am Lesen und an der Literatur.

Gemeinsam mit vielen Hamburger Wissenschaftlern und Kulturschaffenden initiierte sie 2018 die Hamburger Erklärung "Jedes Kind muss lesen lernen", die 120.000 Mal unterzeichnet wurde und bundesweit Beachtung fand.

Ihr Engagement für die Leseförderung verbindet sie in besonderer Weise mit unserem Ziel und Anspruch in Hamburg, allen Kindern durch frühe Bildung, durch frühe Sprach- und Leseförderung einen guten Start ins Leben zu ermöglichen und jungen Menschen die besten Chancen für ihr Leben zu eröffnen.

Kirsten Boie ist eine national und international erfolgreiche Autorin. Sie ist weltläufig, aber ihrer Heimat und dem Norden tief verbunden. In ihren Geschichten fällt der Name Hamburgs nur selten, aber Atmosphäre, Sprache und Figuren machen klar, dass man sich im Norden befindet. Wer sich hier auskennt, hat die Bilder gleich vor Augen: von der Reihenhaussiedlung am Stadtrand (Möwenweg), der Speicherstadt (Medlevinger), dem Hafen bei der Sturmflut 1962 (Ringel, Rangel, Rosen), der Schlei (Sommerby) und dem Ostseestrand (Verflixt, ein Nix).

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Frau Boie gilt als wichtigste deutschsprachige Schriftstellerin der Kinder- und Jugendliteratur. Sie hat für ihre Bücher, ihr Lebenswerk und ihr Engagement zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten: 2007 den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für das Gesamtwerk, 2008 den Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur, 2011 den Gustav-Heinemann-Friedenspreis. Im Oktober 2011 wurde ihr das Verdienstkreuz 1. Klasse vom Bundespräsidenten verliehen.

Kirsten Boie ist eine herausragende Schriftstellerin, eine aufrechte Bürgerin und Demokratin, eine sozial engagierte Pädagogin und Anwältin für die Interessen und Lebenschancen von Kindern und Jugendlichen.

Dabei ist es Ihr Anliegen, jungen Menschen Toleranz und Verständnis füreinander zu vermitteln und damit die Grundlage zu schaffen für ein friedliches Miteinander in einer offenen und demokratischen Gesellschaft.

Sie steht damit für eine liberale und weltoffene hanseatische Tradition und ist eine hervorragende Botschafterin unserer Stadt in Deutschland und der Welt.

Sehr geehrte Frau Präsidentin,

sehr geehrte Damen und Herren,

im Namen des Senats bitte ich die Bürgerschaft, unserem Vorschlag zuzustimmen und Frau Dr. Kirsten Boie die Würde einer Ehrenbürgerin der Freien und Hansestadt Hamburg zu verleihen.

Vielen Dank.

Es gilt das gesprochene Wort.